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Willi Wißing führte die SGS Essen in eine neue Welt - WAZ vom 07.02.2018

Mit ihm als Manager wurden die Fußballerinnen erstklassig. An der Ardelhütte hat er etwas aufgebaut. Als Rentner ist er zurück im Ehrenamt.

Willi Wißing (65) im Ruhestand? Das mag ja offiziell so sein, aber dieser Mann wird nicht stillhalten und alles laufen lassen. Am vergangenen Sonntag hat der Frauenfußball-Bundesligist SGS Essen seinen Manager im Stadion Essen offiziell verabschiedet. Damit endet eine Ära an der Ardelhütte, denn Wißing hat dort gewirkt, Dinge verändert, Neues geschaffen. Er ist auch „Mister Frauenfußball“ in Essen. Und ab sofort wieder im Ehrenamt aktiv.

Herr Wißing, wie geht es Ihnen, wenn Sie heute als Rentner zur SGS kommen? Immerhin haben Sie die Geschicke des Vereins über fast 50 Jahre mitgeleitet und waren zuletzt über ein Jahrzehnt als hauptamtlicher Geschäftsführer aktiv?

Mir geht es sehr gut. Für mich hat sich gar nicht so viel verändert. Ich mache ja weiter und bleibe dem Verein in anderer Funktion erhalten. Künftig werde ich mich um Projekte kümmern. Es ist ein Wechsel vom Haupt- ins Ehrenamt, so wie damals alles auch begonnen hat. Die tägliche Routine hat sich natürlich verändert. Das gefällt mir ganz gut. Meine alten Arbeitsbereiche abzugeben, ist mir nicht schwergefallen. Denn ich weiß, dass die Dinge bei meinem Nachfolger Philipp Symanzik in guten Händen sind. Wir haben uns die Geschäftsführung zuletzt ja schon geteilt.

Haben Sie denn schon konkrete Projekte ins Auge gefasst?

Ja. Durch unser Sport- und Gesundheitszentrum haben wir mittlerweile jährlich 300 000 Besucher an der Ardelhütte. Als ich bei der SGS angefangen habe, hatten wir nur eine Jugendfußball-Mannschaft. Mittlerweile sind es 43 Teams. Durch die Ganztagsschulen konzentriert sich das Training mehr und mehr auf Kernzeiten. Dafür müssen wir unbedingt Parkraum schaffen. Außerdem feiert der Verein 2018 sein 50-Jähriges. Bei der Vorbereitung und der Chronik möchte ich mithelfen.

Sie sind ja fast von Beginn an ein Teil der Chronik. Erinnern Sie sich noch an die Anfänge?

Ich bin 1968 mit 16 Jahren zur SGS gekommen. Bis dahin habe ich Fußball nur in der Schule oder irgendwo mit Freunden gespielt. Bei der SGS habe ich dann zwei Jahre in der A-Jugend gekickt. So wie Franz Beckenbauer war ich mal vorne, mal hinten, aber nicht so begnadet. Drei Jahre später war ich dann schon Geschäftsführer der Fußballjugend.

Manch einer scherzt, man würde im Lexikon ein Foto von Ihnen finden, wenn man das Thema Frauenfußball nachschlägt. Wie sind Sie denn überhaupt zum Frauenfußball gekommen?

Das weiß ich selbst nicht so genau. Ich bin da irgendwie reingewachsen. Es gab damals neben der Bundesliga ja nur wenige Ligen: Landes-, Niederrhein- und Regionalliga. Und wir haben in letzterer gespielt. Damals wollte ich mit Thomas Gröpper, der quasi Alleinverantwortlicher war, die Professionalisierung vorantreiben. Dafür mussten wir überhaupt erst einmal mehr Mädchen für den Fußball interessieren. Ich weiß noch, wie ich damals als Zivi beim Essener Sportbund bei einem gemeinsamen ABM-Projekt mit Bärbel Dietrich in etliche Schulen gegangen bin. 25 bis 30 Spielerinnen rekrutierten wir dadurch. Unter anderem gehörte Linda Bresonik dazu, die bei den Jungs vom TuS 84/10 kickte und später Nationalspielerin wurde.

Mit welchen Ambitionen sind Sie denn im Frauenfußball gestartet?

Als ich anfing, standen wir in der Regionalliga kurz vor dem Abstieg. Da ging es nur darum, drin zu bleiben. Wenig später sollte eine 2. Liga gegründet werden. Da wollten wir rein, was wir auch geschafft haben. Dabei haben wir von unserem großen Nachbarn profitiert. Der FCR Duisburg hatte eine sehr gute Jugend. Unter anderem Annike Krahn und Simone Laudehr sind daraus hervorgegangen. Die Spielerinnen, die dort aussortiert wurden, kamen zu uns. Und 2004 sind wir plötzlich in die Bundesliga aufgestiegen.

„Wir hatten kein Stadion, kein Geld und keine Partner für die 1. Liga“

Warum plötzlich?

Wir hatten damit überhaupt nicht gerechnet. Erst am letzten Spieltag konnten wir Wattenscheid in der Tabelle überholen und waren für die Aufstiegsrunde qualifiziert. Auch dort waren wir nur Außenseiter, haben uns aber überraschend durchgesetzt. Damals kam Trainer Ralf Agolli zu mir und fragte, was wir jetzt machen sollten? Wir hatten kein Stadion, kein Geld und keine Partner für die 1. Liga. Aber eben eine ganz gute Mannschaft. Ich habe geantwortet: „Komm, lass uns das mal ein Jahr versuchen.“ Und am Ende sind wir Zehnter geworden und spielen mittlerweile im 14. Jahr in der Bundesliga.

War der Aufstieg damit auch der Höhepunkt Ihrer langen SGS-Karriere?

Es war auf jeden Fall ein Höhepunkt, weil es der Sprung in eine neue Welt war. Damals hatte mich der „Kicker“ angerufen und wollte etwas über unsere Mannschaft wissen. Das habe ich sofort meinem Sohn erzählt, er wollte es gar nicht glauben. Noch so ein Erlebnis war das DFB-Pokalfinale 2014 in Köln. Auf der Pressekonferenz fragte mich ein Journalist, was neu für uns wäre. Ich sagte: „So viele Leute. Zu uns kommen zur PK nur drei, vier.“ Dort waren es an die 40. Aber neben dem Frauenfußball gibt es auch den Hauptverein. Das Wichtigste, was wir dort geschaffen haben, ist das Sport- und Gesundheitszentrum, weil es den Verein größer und zukunftssicher gemacht hat.

Geht nicht, gibt’s nicht – eine fast märchenhafte Entwicklung

Nicht geplant, sondern eher ein Betriebsunfall: So hat Manager Willi Wißing den unverhofften Aufstieg in die Frauenfußball-Bundesliga 2004 erlebt. Dass die SGS nun die 14. Saison in Folge in der Eliteklasse kickt, hätte er damals nie für möglich gehalten. Doch die Essenerinnen haben sich in der Branche einen Namen gemacht und sind aktuell sogar Zulieferer für die deutsche Nationalmannschaft. Eine fast märchenhafte Entwicklung, auf die allen voran Wißing stolz sein darf.

„Ich habe mich niemals von Leuten leiten lassen, die gesagt haben: Das geht nicht. Die entscheidende Frage ist doch: Was können wir tun, damit es geht?“ Und die SGS hat ihre Nische im Kreise teils deutlich finanzstärkerer Konkurrenten gefunden. „Wichtig war, dass ich immer mit kompetenten Leuten zu tun hatte. Denn in den sportlichen Bereich habe ich mich nie eingemischt.“ Bei der Personalauswahl bewies Wißing ein äußerst glückliches Händchen.

Zu Beginn der Bundesliga-Geschichte entpuppte sich Trainer Ralf Agolli als Glücksfall. „Er verstand es, mit unserer damals noch älteren Mannschaft umzugehen.“ Unter Markus Högner folgte der Umbruch. Die SGS hatte erkannt, dass sie über ein Nachwuchskonzept ihre Spielerinnen künftig selbst ausbilden muss. Der Plan ging auf: Högner formte die SGS gemeinsam mit Jugendkoordinator Christian Kowalski zu einer Talentschmiede um.

Die SGS entwickelte sich zur Marke. 48 Bewerbungen auf die Nachfolge von Högner, der nach sechs Jahren bei der SGS bekanntlich zum DFB wechselte, gingen 2016 bei Wißing ein. Eingeladen hatte er in Abstimmung mit dem Aufsichtsrat aber nur einen Kandidaten. Und der wurde es dann auch: Daniel Kraus. „Daniel hat uns vor allem mannschaftstaktisch noch einmal auf ein anderes Level gebracht“, findet der Ex-Manager.

Wißing selbst aber kämpfte eher an anderen Fronten: Seine Arbeit konzentrierte sich auf Medien, Infrastruktur und Finanzen. „Fakt ist, dass wir mit einem etwas höherem Budget auch in der Champions League spielen könnten. Und das muss für uns der nächste Schritt sein.“ Für Sponsoren sei oft entscheidend, dass der Partner Öffentlichkeit hat und möglichst viele Zuschauer. „Und für höhere sportliche Ziele wäre es auch wichtig, eine zentrale Trainingsstätte zu haben und nicht sieben verschiedene.“

Wie ist es mit der Akzeptanz in der Stadt? „Wir haben das gleiche Problem wie jede andere Sportart auch: Für viele gibt es nur Männerfußball.“ Dort würden die Mittel vieler Sponsoren abgeschöpft. „Dabei sprechen wir ganz andere Zuschauergruppen an als beispielsweise Rot-Weiss Essen. Unser Caterer sagt immer: Bei RWE verkaufe er Bier und Würstchen, bei uns Kaffee und Kuchen.“ Auch Kinderwagen, die Fluchtwege versperren, gebe es bei RWE nicht.

Ein solcher Kinderwagen wird fortan auch Wißings Wegbegleiter. Die gewonnene Freizeit möchte er mit seiner Enkelin verbringen. „Aber meine Frau Birgit wird mich da entlasten“, schmunzelt er. Denn der Ruhestand wird kein Abschied von der SGS sein. Bei all dem Herzblut, das er in den Verein gesteckt hat, wäre das undenkbar. „Ich freue mich auf das Ehrenamt.“ So hat damals ja auch alles begonnen.

Von Benedikt Burgmer

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